Unser Geld- und Wirtschaftssystem hat einen Konstruktionsfehler – Teil 3

Nach der Betrachtung der Grundlagen und Wirkungsweisen des Geldsystems im ersten Teil und zweiten Teil wollen wir uns im dritten Teil mit der ethischen, mathematischen und wahrnehmungspsychologischen Seite unseres Geldsystems befassen. Zum Schluss dieses Beitrags gibt’s einen Ausblick auf mögliche Lösungsansätze, bevor es dann in Teil 4 und Teil 5 vor allem mit Videos weitergeht.

Zins, Gier und Macht

Geld entsteht also durch Verschuldung und entsprechend ist ein Geldschein ein Schuldschein. Eine Bank generiert Geld aus dem Versprechen des Kreditnehmers, den Kredit (zurück) zu bezahlen. Als Sicherheit verpfändet dieser sein Eigentum, d.h. Geld entsteht durch Belehnung von bereits vorhandenem Eigentum. Das Geld für die Rückzahlung sowie für den Zins entsteht jedoch aus dem Kapital durch Arbeit, welches wiederum (wenn auch indirekt) als Sicherheit für einen neuen Kredit herhalten muss. Wenn uns die verpfändbaren Sicherheiten ausgehen, weil unser Wirtschaftswachstum nicht mit der exponentiell wachsenden Zinsspirale Schritt halten kann, ist Ende der Fahnenstange. Wer jetzt dabei an Schneeballsysteme denkt, liegt völlig richtig. Geld kann nicht durch sich selber entstehen und Geld kann selber nicht arbeiten, wie uns die Bankenwerbung mit dem Slogan „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten!“ weiss machen will. Nur Menschen können arbeiten und die Früchte ihrer Arbeit in Geld tauschen.

Geld arbeiten lassen
Geld arbeiten lassen

Die Umverteilung des Geldes über den Zins erfolgt nicht aufgrund von Leistung sondern basiert darauf, dass jemand Geld spart und dieses damit dem Umlauf entzieht. Dadurch verliert das Geld seine Funktion als Tauschmittel. Erst durch die „Belohnung“ über den Zins wird das Geld wieder als Kredit in Umlauf gebracht. Dadurch wächst der Druck auf die Umverteilung des Geldes. Der Zins macht Geld zum Spekulationsobjekt und zum Krebsgeschwür unserer Wirtschaft. Der Zins ist das Anrecht auf mehr Geld, weil man schon welches besitzt, ohne dafür selber arbeiten zu müssen. Er stellt eine Übervorteilung des Kreditnehmers dar, denn Kredite werden über den Zins je nach Zinssatz und Laufzeit nicht selten mehrmals abbezahlt. Hier zeigt sich die Wahrheit im Spruch „wer hat, dem wird gegeben“.

Zinsen als Transaktionskosten des Geldes zu verstehen, ist ein grundlegender Fehler, denn der Zins pervertiert das Geld vom Tauschmittel zum Instrument der Eigentumsumverteilung. Er ist die grösste soziale Ungerechtigkeit unserer Zeit, denn er macht die Arbeiter zu Sklaven ihrer Kapitalgeber. Durch den Zins verliert das Geld seine Funktion als stabiler Wertmassstab. Folglich ist der Zins kein taugliches Instrument für die Umlaufsicherung und unser Geldsystem eine Fehlkonstruktion.

Der Zins heizt unsere Gier an und die Werbung für Bankenprodukte tut das ihre dazu. Im Kapitalismus ist Geld ein Wert und weil er ein solcher ist, ist es nur logisch und konsequent, wenn alles unternommen wird, um diesen zu mehren. Vielleicht aber müssten wir uns selber einmal die Frage stellen, ob das Geld dem Menschen oder der Mensch dem Geld dienen soll. Eine ethische Diskussion scheint mir angebracht und dringend. Nicht umsonst machten sich bereits Moses, Aristoteles, Jesus, Luther und Ghandi für ein Zinsverbot stark. Während sie damals noch mit Gerechtigkeitsüberlegungen argumentierten, kann man heute ein Zinsverbot auch mathematisch begründen.

Grössenwahn: immer höher - immer grösserWir wurden von unserem Wirtschaftssystem im Glauben erzogen, der Zins sei eine Belohnung für all jene, die ihr Geld „grosszügig“ den anderen für Kredite zur Verfügung stellen. Er wird heute quasi als Preis beziehungsweise Entgelt für den „Trennungsschmerz“ vom Geld und dem damit verbundenen Verlustrisiko verstanden. Er widerspiegelt die materialistische Grundhaltung unserer Gesellschaft, in der sich Leute über das definieren, was sie besitzen. Der Zins ist Ausdruck der unersättlichen materiellen Gier unserer Zeit und erzwingt einen „Wachstumsfetischismus“, aber schliesslich sind Fetische in vergnügungssüchtigen, dem Hedonismus frönenden Kreisen en vogue.

Konstruktionsfehler in Gesetz gegossen

Geld regiert die Welt“ heisst es im Volksmund. Wer das Geld regiert, regiert folglich auch die Welt. Doch wer regiert das Geld? Um dies zu erkennen, bedarf es keiner aufwendigen Recherchen. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang der Spruch des Banquiers Mayer Amschel Rothschild (1743-1812) im Jahre 1790: „Gebt mir die Kontrolle über die Währung eines Landes und es ist mir egal, wer die Gesetze macht (im Original: Let me issue and control a nation’s money and I care not who writes the laws)„. Man lese zudem nach, wie in den USA der Federal Reserve Act am 23. Dezember 1913 unter dem damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson zustandekam und wem die Federal Reserve gehört, d.h. wer die Aktionäre der FED-Banken sind. Übrigens hat Wilson später die Erlassung des Gesetzes mit den folgenden Worten bereut: „I am a most unhappy man. I have unwittingly ruined my country. A great industrial nation is controlled by its system of credit. Our system of credit is concentrated. The growth of the nation, therefore, and all our activities are in the hands of a few men. We have come to be one of the worst ruled, one of the most completely controlled and dominated governments in the civilized world. No longer a government by free opinion, no longer a government by conviction and the vote of the majority, but a government by the opinion and duress of a small group of dominant men.“ Wie schon Artur P. Schmidt erwähnt hat (siehe Teil 2), ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass John F. Kennedy 1963 ermordet wurde, kurz nachdem er im Begriff war, die Macht der FED zu brechen und Wilsons Fehler zu korrigieren.

Warum das System langfristig nicht funktionieren kann

Die Zinslasten einer Volkswirtschaft nehmen schneller zu als die Einkommen. Die Statistiken belegen, dass wir beim Wirtschaftswachstum mit der Zinsspirale nicht mithalten können. Auch wenn ein exponentielles Wachstum über eine ganz lange Zeit zum Beispiel durch Raubbau an natürlichen Ressourcen ohne Konsequenzen für die Umwelt möglich wäre, wer würde die produzierten Güter in einem irgendwann gesättigten Markt noch nachfragen? Wenn aber keine Nachfrage, d.h. kein Absatzmarkt besteht, woher sollen die Erlöse und die Gewinne für das Wirtschaftswachstum kommen? Die Nachfrage in einer Volkswirtschaft kann nicht grösser sein als die Einkommen, ohne in der Schuldenfalle zu enden. Die Einkommen sind dabei nicht höher als die erbrachte Leistung, die ihrerseits naturgemäss begrenzt ist. Deshalb kann Geld auch nicht schneller ausgegeben werden als es erworben werden kann, um damit die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und das Wirtschaftswachstum zu erhöhen.

Dies versuchen wir, durch Raubbau an den natürlichen Ressourcen unseres Planeten Erde zu kompensieren, um dennoch die durch den Zins erzwungene exponentielle Wachstumsspirale zu befriedigen. Das hat zerstörerische Auswirkungen auf die Umwelt, denn die natürlichen Rohstoffe können nicht in dem erforderlichen exponentiellen Tempo nachwachsen. Folglich ist auch das Wirtschaftswachstum endlich. Die Zinsspirale verlangt aber ein unendliches, exponentielles Wachstum und kann somit nicht ausreichend gefüttert und am Leben erhalten werden. Also funktioniert das mit den Zinsen einfach unmöglich. Der Kollaps ist durch das Schneeballsystem selber vorprogrammiert.

Warum das System trotzdem so lange funktioniert hat

Ökonomen konzentrieren ihre Energie ganz auf den Geldumverteilungskampf und die Konjunkturbeschleunigung, um mit der pathologisch wachsenden Geldmenge Schritt halten zu können, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Die grundlegende Funktionsweise des Geldsystems kennen, geschweige denn verstehen sie meist gar nicht und lassen sie daher in ihren Betrachtungen und Modellen völlig ausser Acht. Deshalb erkennen sie auch nicht das Grundproblem der ungenügenden Geld- beziehungsweise Kreditdeckung der Banken bei ihrer wundersamen Geldvermehrung und der pathologischen, exponentiellen Wirkung des Zinssystems sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Meine Generation hat den zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt und auch die grosse Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts kennen wir nur aus den Geschichtsbüchern. Wir sind in einer relativ heilen Welt aufgewachsen. Wir wurden im Glauben an das aktuelle Wirtschaftssystem erzogen, das wir uns nie getraut haben zu hinterfragen, solange es für uns funktioniert hat. Dies hat zur Tabuisierung des Themas geführt, welche von den Profiteuren des Systems gerne unterstützt wird. Wir sind aus Bequemlichkeit in eine Beamtenmentalität verfallen und sagen gerne: „Das haben wir schon immer so gemacht und es hat funktioniert. Dann wird es bestimmt auch noch ein paar Jahre weiter so funktionieren.“ – ein fataler Irrtum.

Unser Problem der Wahrnehmung

Ist das nun Ignoranz aus Bequemlichkeit oder Dummheit? Ich will niemanden verurteilen, der so denkt. Aber eine solche Einstellung bringt uns nicht weiter, sondern reitet uns nur noch tiefer in den Sumpf. Es ist wirklich nicht einfach, das Verhalten und die Auswirkungen einer Exponentialfunktion zu verstehen, wenn man sich im Alltag mit den vier Grundrechenarten gut bedient fühlt. Besonders komplex und intransparent sind das Geldsystem und seine Mechanismen, weil sie von der Zeit abhängig sind, wobei die Verläufe der einzelnen Funktionen zeitlich verschoben sind und sich überlappen. Manche sind bereits durch die drei Dimensionen des Raumes überfordert. Wie sollen sie dann die Zeit begreifen? Hier stösst unser Vorstellungsvermögen an seine Grenzen. Die Exponentialfunktion können wir erst recht nicht begreifen, weil sie eine Funktion ist, die sich durch ihren eigenen Wachstum beschleunigt, d.h. sie ist eine mit beschleunigter Beschleunigung wachsende Funktion. Der Zuwachs ist stets proportional zur schon erreichten Menge, die selber stetig wächst. Daraus resultiert eine konstante Verdopplungszeit. Ähnlich wie bei der Potenzfunktion wächst bei der Exponentialfunktion die Ordinate (y-Achse) schneller als die Abszisse (x-Achse), nur eben noch viel schneller als bei der Potenzfunktion. Sich zeitlich überlappende Exponentialfunktionen übersteigen unsere Vorstellungskraft vollends.

Mit linearen Funktionen hingegen können wir umgehen. Da das Leben generell immer mit Unschärfen behaftet ist, können wir damit gut leben, solange die Unschärfe jeweils auf ein tolerierbares Mass beschränkt bleibt. Der Einfachheit halber approximieren und vereinfachen wir viele Naturgesetze durch lineare Funktionen, wie dies Newton mit dem nach ihm benannten Gesetz „Kraft = Masse x Beschleunigung“ getan hat. Einstein hat später mit der Relativitätstheorie gezeigt, dass dies lediglich als Approximation in der Nähe der Erdoberfläche gilt. Analog approximieren wir für das Geldsystem die Exponentialfunktion durch eine lineare Funktion, was aber nur ganz am Anfang der Funktion für eine kurze Zeit funktioniert. Nun sind wir aber in dem Bereich angelangt, in dem die Abweichung von der wirklichen Funktion zu einer zu grossen Unschärfe führt.

Bereits bezahlen wir vielfach mit mehr als der Hälfte unserer Ausgaben die Zinsen des Geldsystems. Privatmann und Privatfrau im Anstellungsverhältnis ohne Wohneigentum fällt dies jedoch am allerwenigsten auf, da wir die Zinsen, die entlang der Wertschöpfungskette anfallen, indirekt über die Preise der Produkte und Dienstleistungen bezahlen. Wir sehen immer nur den Endpreis und allenfalls die Mehrwertsteuer. Würden die Zinskosten analog der Mehrwertsteuer ausgewiesen, würden wir erschrecken und wären nicht mehr bereit, diesen Irrsinn zu finanzieren.

Mathematik für Ökonomen

Die Entwicklung beziehungsweise das Wachstum jedes Marktes (Realwirtschaft, real) sowie aller natürlichen Wachstumsprozesse in der Natur folgt einer S-Kurve. Eine sehr gute Erklärung dazu findet sich im Ratgeber „Die Praxilogie“ von Diplomingenieur Dr. Otto Buchegger. Eine S-Kurve wächst zu Beginn exponential, kippt dann aber bei der maximalen Wachstumsgeschwindigkeit, um wieder exponential abzuflachen und gegen einen Grenzwert (Sättigungsgrenze) zu verlaufen. Auch das Wachstum einer Volkswirtschaft verläuft nach dieser Kurve und 08/15-Ökonomen betrachten immer nur höchstens den Verlauf bis zum Wendepunkt, ohne die mathematische Formel zu kennen. Das Perfide an der ganzen Sache ist, dass die Abweichung zur reinen Exponential-Kurve (Finanz-/Irrealwirtschaft, nominal) bis dahin vernachlässigbar ist. Doch dann beginnen die beiden Kurven völlig auseinander zu laufen. Das ist der Punkt, an dem das reale Wirtschaftswachstum nicht mehr mit der nominalen Geldmenge Schritt halten kann. Und ab hier beginnt die grosse Krise.

S-Kurve
Reales, natürliches Wachstum folgt der logistischen Kurve

Volterra-Formel zur Beschreibung der S-KurveDie S-Kurve (manchen auch als „logistische Kurve“ bekannt) lässt sich über die Volterra-Formel mathematisch beschreiben und berechnen. a ist das Mass für die Wachstumsgeschwindigkeit, t die jeweils betrachtete Zeit und T die 50%-Sättigung, die den Wendepunkt der Kurve markiert. Kennt man also einige Punkte dieser Kurve, lässt sich der übrige Verlauf berechnen. Wenn die Realwirtschaft bei konstanten Einflussgrössen mehr oder weniger regelmässig wachsen würde, wäre die Kurve aus einigen bekannten Punkten relativ genau berechenbar, denn den Wendepunkt haben wir schon längst überschritten. Nur leider führen politische Einflüsse und die Geschäfte mit Finanzderivaten und anderen Spekulationsobjekten zu einem sehr unstetigen Verlauf der S-Kurve mit zwischenzeitlichen Spitzen und Einbrüchen. Wenn diese Einflussfaktoren dann auch noch besonders grosse Blasen produzieren, die zwangsläufig irgendwann platzen, machen sie die den Verlauf der S-Kurve nur sehr schwer bis gar nicht berechenbar. Auch kann nicht exakt berechnet werden, welche Abweichung der Exponential- von der S-Kurve die Wirtschaft erträgt. Deshalb kann der Zeitpunkt des Wirtschaftscrashs nicht exakt vorausgesagt werden.

Exponential- und S-Kurve
Unterschiedliche Wachstumskurven von Finanz- und Realwirtschaft

Paradoxe Funktionsziele des Geldes

Wer bis hierhin aufmerksam mitgelesen hat, dem blieb wahrscheinlich nicht verborgen, dass der Geldzweck (siehe Teil 1) zwei paradoxe Zielsetzungen vereint. Zum einen soll Geld als Tauschmittel dienen, um den Wirtschaftskreislauf sicherzustellen. Das bedingt, dass sich Geld ständig im Umlauf befindet. Zum andern soll Geld auch der Wertaufbewahrung dienen, die zwangsläufig zur Hortung führt. Dadurch wird es aber dem Umlauf entzogen und kann seine Funktion als Tauschmittel nicht mehr wahrnehmen. Wie wir bereits gesehen haben, taugt der Zins wegen der pathologischen Wirkung des Zinseszinseffektes nicht als Mittel und Preis für die Umlaufsicherung, um dieses Paradoxon aufzulösen. Also müssen wir eines dieser beiden Geldzwecke aufgeben oder zumindest das andere wesentlich höher priorisieren. Nur, welcher soll das sein?

Verzichten wir auf das Tausch- und Zahlungsmittel, so wird dadurch aber auch die Wertaufbewahrung verunmöglicht. Wie sollen wir etwas horten, das nicht durch Tausch zu uns fliessen kann, und wie sollen wir es wieder einlösen, wenn wir es nicht zur Bezahlung verwenden können? Folglich bleibt uns nichts anderes übrig, als die Wertaufbewahrung niedriger zu gewichten oder gar ganz aufzugeben. Dadurch verliert aber auch die Hortung ihren Sinn und der Zins jegliche Existenzberechtigung. Der Austausch von Gütern über einen gemeinsamen Wertmassstab bleibt dennoch sichergestellt. Ein funktionsfähiges Geldsystem muss dieser Logik gerecht werden.

Lösungsansätze gibt es

Geld- und Wirtschaftspolitik ist keine Wissenschaft sondern vielmehr eine Religion mit Religionsführern unterschiedlicher Geisteshaltungen, die sich in direkter Konkurrenz gegenseitig bekämpfen. Eine Verwissenschaftlichung des Geld- und Wirtschaftswissenschaften begleitet von einem globalen Wertewandel ist dringend nötig. Wer Geld ehrlich verdienen möchte, sollte den anderen dienen, von denen er Geld nimmt, und sie nicht bloss ausnehmen.

Das Geld hat den Menschen zu dienen und nicht die Menschen dem Geld! Andernfalls werden die Menschen zu Sklaven des Geldsystems, was wir de facto heute bereits schon sind. Richtig erfasst haben die Probleme auch der Marxismus und der Kommunismus nicht. Deshalb konnten sie auch keine effektive Lösung bieten und können getrost als gescheitert abgeschrieben werden. Unser wirtschaftliches Überleben hängt davon ab, wie rasch wir uns vom alten Paradigma lösen können und verstehen lernen, wie wir das System ändern müssen, damit es zum Wohle aller funktioniert. Dazu müssen wir nicht einmal die Ethik oder die Philosophie bemühen, sondern können uns ganz auf der sachlichen Ebene allein auf die Mathematik und die Logik stützen. Wir müssen unsere Geldtheorie an die Realität und Gesetze der Mathematik anpassen, denn die Erde ist keine Scheibe! Die Freiwirtschaft– und Freigeld-Theorie von Silvio Gesell bietet einige vielversprechende Ansätze, auch wenn sie ihre Fehler hat und in vielen Punkten noch nicht ausgereift ist. Es ist an uns, diese zu perfektionieren, wenn wir uns als die Herrscherspezies auf diesem Planeten behaupten wollen.

Für das Wetter gibt es Vorhersagen, die auf mehreren sich gegenseitig ergänzenden Modellen beruhen. Als Grundlage dienen die über viele Jahre erhobenen Statistiken sowie die Erkenntnisse über die physikalischen Gesetzmässigkeiten und mathematischen Zusammenhänge. So etwas brauchen wir auch für die Wirtschaft.

Banker und Politiker werden aber nicht von einem Systemwechsel und dessen Notwendigkeit zu überzeugen sein, da sie dadurch einen Grossteil ihrer Macht an das Volk zurückgeben müssten. Diese Arbeit muss bei den heranwachsenden Generationen geleistet werden. Folglich muss das Thema in seiner ganzen Wahrheit in der Ausbildung der Lehrer und anschliessend an allen Schulen bearbeitet werden. Nur leider dauert dieser Prozess mindestens dreissig bis vierzig Jahre und wird für die aktuelle Krise viel zu spät greifen. Wie aber können wir das Geldsystem möglichst rasch reformieren?

Das Geldsystem im Rechtskonflikt als Chance

Das Geldsystem gehört zur allgemeinen Grundversorgung wie Wasser, Elektrizität oder Telekommunikation. In dieser Beziehung sind unsere Gesetze nicht besonders konsistent. Banken müssten viel stärker der Kontrolle durch den Staat und die Gesellschaft unterstellt werden. Wie fatal dies ist, wenn sie sich selber überlassen werden, und wie ungenügend ihre Selbstregulierung ist, erfahren wir zur Zeit besonders deutlich.

Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich und manche etwas gleicher. Das Geld kann als eine (indirekte) staatliche Dienstleistung analog der Bildung betrachtet werden, zu der jeder den gleichen Zugang haben sollte. Dem ist aber in der Praxis nicht so. Gleichheit vor dem Gesetz wird zur Farce, solange wir keine Gleichheit vor dem Geld haben, denn nur wer genügend Geld hat, kann es sich leisten, seine Rechte vor den Gerichten einzuklagen. Wegen der Verletzung der Gleichbehandlung und Diskriminierung der nicht vermögenden Arbeiterschaft, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten muss, wäre eine Verfassungsklage zu prüfen.

Schon früher habe ich mich mit dem System der Schenkkreise auseinandergesetzt, die bekanntermassen ein Schneeballsystem darstellen und daher zumindest nach Schweizerischem Recht illegal sind (Lotteriegesetz: Verordnung vom 27. Mai 1924 zum Bundesgesetz betreffend die Lotterien und die gewerbsmässigen Wetten (LV), Art. 43). Ein Schneeballsystem charakterisiert sich im Wesentlichen dadurch, dass es nur durch Generierung von neuer Substanz am Leben erhalten werden kann, die sich wiederum von der Generierung von zusätzlicher, neuer Substanz ernährt. Wie aus den obigen Ausführungen auch jedem mathematisch weniger Begabten klar sein sollte, ist nun aber auch unser Geldsystem ein Schneeballsystem, da Zinsen nach dem Schneeballprinzip aus dem Geld immer neuer Kredite bezahlt werden müssen und die Schulden nie vollständig amortisiert werden können. Das Geldsystem steht daher im Konflikt mit dem geltenden Recht. Vielleicht wäre ein Musterprozess der Weg, über den wir die Reform des Geldsystems forcieren können. Wer hat genügend Geld, Zeit und Rückgrat, um einen solchen Rechtsprozess zu führen?

Weitere Beiträge

Mit dieser Beitragsreihe unter dem Titel „Unser Geld- und Wirtschaftssystem hat einen Konstruktionsfehler“ versuche ich, die Problematik einfach verständlich zu hinterleuchten und etwas zur allgemeinen Aufklärung beizutragen:

  • Teil 1: Grundlagen und Wirkungsweisen des Geldsystems.
  • Teil 2: Zahlenbeispiele – Beschleunigung der Aufblähung durch Finanzderivate und Hintergründe der aktuellen Krise – Aufklärungs-Video “Gib mir die Welt plus 5 Prozent” zum Banken- und Geldsystem.
  • Teil 3: Ethische, mathematische und wahrnehmungspsychologische Seite des Geldsystems – Video “Der Geist des Geldes” – Links zu weiteren Informationsquellen.
  • Teil 4: Erklärende Videos zur Funktionsweise unseres Geldsystems unter anderem mit Prof. Dr. Bernd Senf, Prof. Max Otte, „Mr. DAX“ Dirk Müller und vielen anderen.
  • Teil 5: Kurzfilm “The Story of Stuff” zu Wirtschaftskreislauf und Umwelt – Kurzfilm “Vom Reis” zu Geldsystem, Staatsverschuldung, Politik und Korruption.
  • Teil 6: Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger erklärt in seinem Vortrag „Finanzmarktkrise – Ergebnisse einer Fehlentwicklung, die wir korrigieren können“ anschaulich und auch für Laien verständlich, was ich in den ersten drei Teilen bereits ausführlich dargelegt habe.
  • Teil 7: Warum und wie uns der Crash ereilt. Zusammenhang zwischen Geld, Leistung und Kapital. Risiko und Rendite. Zins und Ethik in Judentum, Christentum und Islam.
  • Teil 8: Mathematische und naturwissenschaftliche Grundlagen der Finanzethik. Wer trägt die Schuld?
  • Teil 9: Der Fehler der gängigen Wirtschaftsideologien und der klassischen Geldmengentheorie. Das funktionale Geldmengenmodell. Der Denkfehler der Keynesianer.
  • Teil 10: Zusammenfassung mit ergänzenden Kommentaren. Anforderungskatalog an ein bedarfsgerecht skalierbares, gerechtes und funktionsfähiges System. Nachwort.

Weiterführende Informationsquellen

Bücher:

Filme:

  • Der Geist des Geldes
    Ein Dokumentarfilm über die Erfindung Geld und ihre Folgen für die Menschheit
    Yorick Niess, 2008
    ASIN: B00118Q9EG

Der Film „Der Geist des Geldes“ ist auch bei YouTube in 9 Teilen verfügbar, jedoch in etwas schlechterer Qualität als auf DVD.

Beiträge auf anderen Websites:

7 thoughts on “Unser Geld- und Wirtschaftssystem hat einen Konstruktionsfehler – Teil 3

  1. Die meisten Menschen sind im Grunde gut. Das durfte ich in den vergangenen Monaten in diversen persönlichen Gesprächen feststellen. Am herrschenden System stossen sich mehr Menschen als man denken würde. Nur stehen sie diesem ohnmächtig gegenüber. Es ist das System, das die Menschen schlecht macht und zwingt, Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Doch wir haben alle einen freien Willen. Wir müssen nichts müssen (ausser irgendwann einmal sterben). Es steht uns frei, uns für oder gegen das System zu entscheiden und uns dafür einzusetzen, dass es sich ändert – mit allen Konsequenzen, die ein solches Handeln mit sich bringt. Als Realist bin ich mir auch bewusst, dass dies nicht so einfach von heute auf morgen möglich ist.

    Nicht selten hängt jedoch die Existenz vieler am System, wie zum Beispiel bei allen Bankangestellten. Immer mehr haben Gewissenbisse und würden am liebsten den Job wechseln. In der aktuellen Wirtschaftslage einen neuen Job in einer anderen Branche zu finden, der allen ethischen Anforderungen gerecht wird, ist ein fast aussichtsloses Unterfangen. Da ich letztes Jahr beschlossen habe, diesbezüglich künftig keine Kompromisse mehr einzugehen und meine eigene Situation zu bereinigen, kann ich auch offen darüber sprechen und nehme kein Blatt mehr vor den Mund.

    Die Missstände in der Welt können für mich kein Grund sein, keine Kinder in die Welt zu stellen und die menschliche Rasse aussterben zu lassen. Im dreissigjährigen Krieg mussten die Menschen viel Schlimmeres durchmachen. Da jammern wir (zumindest noch vorläufig) auf recht hohem Niveau. Wer soll das System ändern und die Werte in die Welt tragen, wenn wir diese unseren Kindern nicht weitergeben?

    Die Welt wird so rasch nicht untergehen. Die Krise wird sich zwar zuspitzen bis sie im Crash endet. Aber anschliessend haben wir die Chance, das System neu zu bauen. Das sollten wir bereits heute vorbereiten.

    An einem Beitrag zu Geld und Religion arbeite ich übrigens gerade. Ein sehr heikles Thema, aber wie gesagt kenne ich keine Tabus.

  2. Erst mal ein riesen Kompliment für diese herausragende Arbeit und den tollen Berichten!
    Dass wir in einer ungerechten Welt leben, können wir doch jeden Tag mit eigenen Augen sehen und vielleicht hat der Ein oder Andere es auch schon am eigenen Leib erfahren dürfen, wie skrupellos die Banken sind! Geld hat kein Gewissen. Meiner Meinung nach herrscht der Gott des Geldes über die Menschen und vernebelt uns den wahren Blick auf das Elend, den Hunger und die Kriege die im Namen des Geldes und auch des Wohlstandes geführt werden. Ich bin mittlerweile 42 und habe mich immer dagegen gestreubt, in diese Welt Kinder zu setzen oder gar eine Familie zu gründen. Dafür erschien mir die Menscheit nicht reif und würdig genug. Ich bete, dass die Menschen ( vor allem die Reichen und Entscheidungsträger) erwachen und dem Wahn des Geldes absagen und vielleicht mal so intelligent handeln, wie wir es gern sehen würden. Mit Menschlichkeit und Nächstenliebe. Ansonsten sehe ich, -sollte die Geldmaschinerie weiter so laufen-, den Untergang der Menschheit vorprogrammiert.

  3. Die Abschaffung des Zentralbankensystems und des staatlichen Geldmonopols wäre ein wichtiger Schritt, Geld wieder zu einem frei handelbaren Warenäquivalent werden zu lassen, das den gleichen Gesetzen des Marktes unterliegt wie die Waren selber. Ein freier Geld- und Währungsmarkt würde aber die grossen Bankster entmachten. Da aber sie das Geld regieren, herrschen sie auch indirekt über die öffentliche veröffentlichte Meinung. In den USA, in Russland und in Italien zeigt sich dies besonders deutlich. Das zweite Problem ist, dass ein solches Geldsystem die Vorstellungskraft der meisten Zeitgenossen einfach sprengt. Darin gibt es zum aktuellen Geldsystem keinen Unterschied, denn die Wirkung der Exponentialfunktion mit zeitlichen Verzögerungen kapiert heute schon fast keiner. Wir müssen den Crash abwarten. Das System muss zuerst kollablieren, bevor es neu konstruiert werden kann. Je besser wir uns darauf vorbereiten, desto schneller und effektiver können wir den Wiederaufbau meistern.

    Blödsinnig und verfehlt finde ich allerdings, wie viele immer mehr einen auf Endzeitstimmung machen. OK, für das Jahr 2012 mag der Weltuntergang prophezeit sein, aber von solcher Esoterik halte ich herzlich wenig.

  4. Wenn alle immer exakt gleicher Meinung wären, wäre die Welt ja langweilig ;-). Damit ein Dialog entstehen kann, braucht es unterschiedliche Standpunkte und Ansichten, die man gegenüberstellen kann. Mir ging es in diesen Beiträgen vor allem darum, für eines der brennendsten Probleme unserer Zeit zu sensibilisieren und dieses zu enttabuisieren. Was mich bei meinen Recherchen überrascht hat ist, mit welchen Halbwahrheiten wir in den Medien und Schulbüchern leben müssen.

    Ich habe mir auch schon überlegt, wie ich für dieses Thema aktiv werden könnte. Mir schwebt da im Moment ein Gesellschaftsspiel zum Geldsystem vor (ähnlich Monopoly), in dem die Spieler als Zentralbank, Geschäftsbank, Investor, Produzent und Konsument den Umlauf des Geldes „simulieren“ … und am Ende gewinnt immer die Bank bis sie selber kollabiert.

  5. So, habe mich endlich durch alle drei Posts gekämpft 😉 Respekt. Wie bereits in meinem Kommentar zum ersten Teil angetönt, bin ich nicht immer ganz gleicher Meinung wie Du – aber im Grossen und Ganzen sehen wir die Dinge wohl ähnlich. Vielleicht sollten wir mal gemeinsam etwas in die Richtung machen?

    Ich empfehle übrigens folgendes Interview aus dem aktuellen „brand eins“ mit Prof. Bernard Lietaer , der als ehemaliger Banker (GaiaCorp, für die, denen das was sagt) bereits verschiedentlich Bücher zum Thema Geld verfasst hat: „Erhöhte Unfallgefahr“ (Achtung, erst ab 01.02.09 im Volltext verfügbar!)

    Kurz zusammengefasst führt Lietaer die aktuelle Krise darauf zurück, dass das herrschende System mit dem staatlichen Geldmonopol zu effizient ist. Hocheffiziente Systeme sind laut Systemtheorie anfälliger für Krisen als komplexe. So ist z.B. eine Monokultur sehr effizent zu bewirtschaften aber gleichzeitig auch sehr anfällig auf Schädlinge.

    Als Ausweg empfiehlt Lietaer die Abschaffung des Monopols und eine Wettbewerbssituation mit konkurrenzierenden Währungssystemen (Freigeld, Regiogeld etc. pp.), weil der Status quo systembedingt immer wieder in eine Krise schlittern wird – Konjunktur- und Rettungspakete verlängern höchstens die Perioden zwischen zwei Krisen.

    Im Interview erwähnt er übrigens eine Studie, die die relative Stabilität in der Schweiz auch auf die Existenz der Komplementärwährung WIR zurückführt.

  6. Die Realität ist manchmal eben hart. Es gibt Situationen, in denen ich mit meiner Einschätzung gerne falsch liegen würde. Nur leider sprechen hier Mathematik und Logik dagegen. Die Naturgesetze zu ignorieren hat sich noch immer gerächt, soweit man in der Geschichtsschreibung zurückblicken kann.

    Dazu fällt mir nur Folgendes ein:
    Als ich alleine und betrübt so da sass, sprach eine Stimme zu mir: „Lächle und sei froh, denn es könnte noch viel schlimmer kommen!“ Also lächelte ich und war froh … und es kam noch viel schlimmer.

    Es ist eine spezifische Eigenheit des Menschen, unliebsame Dinge, die in der Zukunft liegen, zu verdrängen, zu ignorieren und schön zu reden, bis sie eintreten. Politiker sind besonders gut darin, da sie für ihre leeren Worte nie zur Rechenschaft gezogen werden. Nur Lemminge, die nicht selber denken und für ihre Zukunft Verantwortung übernehmen wollen, folgen solchen Rattenfängern. Was nicht sein darf, kann einfach nicht sein. Und plötzlich werden sie von Weihnachten überrascht. Und dann sagen sie: „Ist halt dumm gelaufen“. Die Geschichte der Menschheit wiederholt sich leider immer wieder, ohne dass wir aus den Fehlern unserer Ahnen etwas lernen. Auch das scheint ein Naturgesetz zu sein.

  7. Teilweise schreiben sie hier sehr harte Worte. Ich habe mich jetzt durch den ersten Beitrag gekämpft, dann auch noch durch den Zweiten und jetzt bin ich beim Dritten angelangt und muss ich dazu jetzt einfach einmal äußern. Ich glaube nicht, dass die Einstellung, die viele Menschen haben uns noch tiefer in den von ihnen besagten „Sumpf“ reitet. Denn wenn das so wäre, denke ich mal hätte sich schon einiges bei den Menschen geändert und würde nicht so weiterlaufen, wie bisher. Allerdings wird die Antwort, ob man das System ändern muss oder nicht nur die Zeit zeigen. Liegen sie richtig und ich falsch, haben wir ein Problem. Ein sehr großes Problem.

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