Bilderberg geht online

Die BilderbergerSie sind Gegenstand wildester Spekulationen: die jährlichen Treffen der Bilderberg-Gruppe. Ihre diesjährige Konferenz im Hotel Dolce in Sitges (südwestlich von Barcelona in Spanien) ging soeben zu Ende. Noch nie etwas von den Bilderbergern gehört? Das ist auch kein Wunder, denn schliesslich ist seit ihrer Gründung 1954 Geheimhaltung oberste Maxime und es gilt eine strikte Nachrichtensperre, an die sich die allermeisten Medien halten – zumindest bis neulich. Dieses Jahr brachen jedoch mehrere TV-Sender und Zeitungen das Tabu und berichteten über das Elite-Treffen. In einer Welt der globalisierten Informationen wird es immer schwieriger, die Treffen des einflussreichsten Geheimclubs wirklich geheim zu halten.

Deshalb treten die Bilderberger neuerdings mit einer eigenen Website BILDERBERG MEETINGS die Flucht nach vorne an und publizieren sogar eine, wenn auch sehr knapp gehaltene Presseerklärung. Anscheinend vollzieht sich hier gerade ein kleiner Paradigmawechsel. Oder ist es bloss eine Kapitulation vor dem immer stärkeren Druck einer von den Mainstream-Medien weitgehend verschwiegenen Öffentlichkeit?

Registriert wurde die Domain bilderbergmeetings.org am 25.11.2009 vom Internetdienstleister Virtualbuilding. Das Domizil dieser Firma ist gemäss Domain-Eintrag und den Angaben auf der eigenen Website 3024 ES Rotterdam, Kratonkade 9. Gemäss Telefonbuch residiert sie jedoch in 3016 DH Rotterdam, Westerstraat 42, wobei die Telefonnummer noch die selbe ist. Deren eigene Domain wiederum ist auf Soeterbroek & Van Dorp registriert. Es scheint sich bei Virtualbuilding um eine nicht mehr wirklich aktive Tarnfirma zu handeln, zumal auch der letzte News-Eintrag auf der Website vom 06.01.2006 stammt und die übrigen Inhalte zuletzt im Jahr 2004 aktualisiert wurden. Dass eine solch unbedeutende Internetfirma als Strohmann für die Website der Konferenz der mächtigsten und einflussreichsten Personen der westlichen Welt fungiert, hinterlässt allerdings einen etwas komischen Eindruck.

Wer sind die Bilderberger?

Wer im Web nach Informationen zu den Bilderbergern sucht, findet eine ganze Menge von nüchternen Fakten bis abenteuerlichen Phantastereien. Sogar Wikipedia gibt einiges über den Elite-Club preis, mit dessen Namen zusammen oft auch der Begriff „Verschwörungstheorie“ zu hören und lesen ist. Manchenorts werden die Bilderberger auch als die Hohepriester der Globalisierung bezeichnet, die an einer neuen Weltordnung basteln, im Hintergrund die Fäden der Weltpolitik und Weltwirtschaft ziehen und damit die Demokratien unterlaufen und aushöhlen. Es ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass mehrere Ereignisse seit dem zweiten Weltkrieg eng mit den Themen verknüpft sind, die an den Konferenzen meist kurz zuvor besprochen wurden.

David RockefellerDie Liste der Teilnehmer ist mittlerweile auch dank Internet nur noch ein „öffentliches Geheimnis“. Neuerdings kann zumindest die offizielle Liste sogar auf bilderbergmeetings.org eingesehen werden. Noch interessanter und mindestens so wichtig sind auch die Namen der Leute, die nicht auf der Liste stehen und trotzdem teilnehmen wie EZB-Präsident Jean Claude Trichet oder der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. David Rockefeller ist das einzige Mitglied, das seit der Gründung 1954 bisher an allen Bilderberg-Konferenzen teilgenommen hat. Schliesslich war er einer der Mitbegründer und hatte lange den Vorsitz im „inneren Kreis“. Dieses Jahr jedoch war die graue Eminenz und der Grossmeister des ölgeschmierten Finanzadels nicht anwesend. Es scheint, als würde sich der mittlerweile nicht mehr guter Gesundheit erfreuende Lobbyist und Altintrigant definitiv zurückziehen.

Der ehemalige US-Aussenminister Henry A. Kissinger und Königin Beatrix der Niederlande, deren Vater Prinz Bernhard Mitbegründer des Clubs war, gehören immer noch zum harten Kern der Organisation. Weitere prominente Teilnehmer der diesjährigen Konferenz waren Starbanker Josef Ackermann, Microsoft-Gründer Bill Gates, Eric Schmidt (Google), Peter Sutherland (Goldman Sachs und BP), Daniel Vasella (Novartis), Paul A. Volcker, Peter Voser (Royal Dutch Shell), J. Martin Taylor (Syngenta), Olaf Scholz (SPD-Vize), Dieter Zetsche (Daimler), Donald E. Graham (The Washington Post Company), Robert B. Zoellick (Präsident der Welt-Bank Gruppe) und der Premierminister des Gastgeberlandes José Luis Rodríguez Zapatero. Für letzteren war die Teilnahme Pflicht, denn schliesslich bezahlen die Steuerzahler des Gastgeberlandes die gesamten Sicherheitsmassnahmen für die „private“ Veranstaltung einschliesslich des riesigen Polizeiaufgebots mit Hubschrauberüberwachung, Patroullienbooten und Marinetauchern. Die Kosten für 2010 sollen sich auf 10 Mio. Euro belaufen.

Einfluss und Agenda

Über die konkreten Zielsetzungen der Bilderberger gibt es die abenteuerlichsten Spekulationen. Die Gerüchte entstehen, weil darüber fast nichts (offiziell) an die Öffentlichkeit dringt. Wenn sich allerdings so viele der einflussreichsten Leute aus Finanz- und Hochadel, Wirtschaft, Bildung und Politik zu „informellen“ Besprechungen versammeln, muss es sich um Geschäfte von weltpolitischem Ausmass handeln. Anzunehmen, hier handle es sich um ein rein privates Treffen zur Unterhaltung und Erholung, wäre sehr naiv.

Trotz grösster Diskretion und Geheimhaltung drangen im Verlauf der Jahre immer wieder einzelne Informationen an die Öffentlichkeit. So soll David Rockefeller 1991 beim Bilderberg-Treffen in Essen gesagt haben:

Wir sind der Washington Post, der New York Times, dem Time Magazine und anderen grossen Publikationen dankbar, deren Direktoren seit fast 40 Jahren an unseren Treffen teilnehmen und ihre Versprechen der Diskretion respektieren. Es wäre uns unmöglich gewesen, unseren Plan für die Welt zu entwickeln, wenn wir dem hellen Licht der Öffentlichkeit in jenen Jahren ausgesetzt gewesen wären. Aber die Welt ist heute viel raffinierter und bereit, in Richtung einer Weltregierung zu marschieren. Die supranationale Souveränität einer intellektuellen Elite und internationaler Bankiers ist sicherlich der nationalen Selbst-Bestimmung, die in den vergangenen Jahrhunderten praktiziert wurde, vorzuziehen.

Daniel Estulin: The True Story of The Bilderberg GroupDie Bilderberger zählen immer mehr „Anhänger“, die zum Konferenzort pilgern, demonstrieren, beobachten und berichten. Dies ist nicht zuletzt der investigativen Arbeit verschiedener Aktivisten und Enthüllungsjournalisten wie Jim Tucker, Andreas von Rétyi oder Alex Jones zu verdanken. Besonders Daniel Estulin hat mit seinen Bestsellern „The True Story of the Bilderberg Group“ (Die wahre Geschichte der Bilderberger) und „Bilderberger: Das geheime Zentrum der Macht“ für Aufsehen gesorgt. In seiner Rede „Bilderberg Group – Towards Creation Of One World Company Ltd“ an der Pressekonferenz des Europäischen Parlaments am 1. Juni 2010 (bezeichnenderweise im Raum 0A50, der den Namen der ermordeten Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Politkovskaya trägt) in Brüssel durfte er seine Sicht der Dinge als Ergebnis seiner langjährigen Recherchen darlegen:

Dies war eine Antwort auf die Anfrage von Mario Borghezio (Italien), Mitglied des Europäischen Parlamentes, am 11.11.2009 im Zusammenhang mit der Nomination des EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy und der EU-Aussenministerin Cathrine Ashton zum politischen Einfluss von Geheimorganisationen wie den Bilderbergern oder der Trilateralen Kommission, die ebenfalls von David Rockefeller gegründet wurde und deren Mitglieder zum grossen Teil ebenfalls Bilderberger sind.

Über die Bilderberger wird in gewissen Kreisen viel geschrieben. Wenn bloss zehn Prozent davon mehr oder weniger wahr ist, sind die Bilderberger ein global sehr einflussreicher Club, über den im Hintergrund viele Fäden in Politik und Wirtschaft gezogen werden. Vieles ist jedoch auch reine Spekulation und oft nur schwer von den Fakten zu unterscheiden. Dazu sei nur soviel gesagt: Mit UFOs und Ausserirdischen haben die Bilderberger nichts zu tun und sie sind auch keine getarnten Reptilien, die im Innern der Erde hausen (wie einige Spinner im Dunstkreis von David Icke behaupten). Wirklich interessant und lesenswert fand ich dazu den Artikel „Die Bilderberger – Hinter den Kulissen der Macht“ von Grazyna Fosar und Franz Bludorf und dazu den Kommentar „Die Bilderberger oder was ist dran an Verschwörungstheorien?“ von Gert Flegelskamp. Die Bilderberger sind auch nur Menschen aus Fleisch und Blut mit ganz menschlichen Machtgelüsten, die bloss für ihre Interessen lobbyieren und sich jährlich einmal in Abgeschiedenheit treffen, um sich auszutauschen, ihre Pläne abzustimmen und neue Mitglieder und Wasserträger zu rekrutieren und auf Kurs zu trimmen.

Bilderberg und die Medien im Jahre 2010

Die Bosse sowohl der allermeisten öffentlich-rechtlichen als auch der privaten Medien hatten sich den Bilderbergern lange Jahre zu absoluter Diskretion und Verschwiegenheit verpflichtet und jeden ambitionierten Journalisten zurückgepfiffen. Seit aber das Web auch den freien Medien und jeder Privatperson ermöglicht, mit Berichten ein weltweites Publikum zu erreichen, ist es aus mit dem Medienkonsens zur allgemeinen Geheimniskrämerei:

Der TV-Sender Russia Today (RT) sendet 24 Stunden am Tag von Russland aus in englischer Sprache und hat sich noch nie an irgendwelche Vorgaben von ausländischen Gremien und Machthabern gehalten.  Schliesslich gilt Russland als Feind der Bilderberger. Hier ein Interview von RT mit Daniel Estulin:

Charley Skelton beobachtete letztes Jahr die Bilderberg-Konferenz in Griechenland für eine Geschichte in der britischen Zeitung „The Guardian“. Eigentlich wollte er die „Verschwörungstheorien“ rund um den Elite-Club entkräften und musste aber schon bald feststellen, dass angesichts des überdimensionierten Sicherheitsaufgebots, der Machtkonzentration der Teilnehmer und der Reaktionen der Bilderberg-Helfer es sich um mehr als nur ein Kaffeekränzchen unter Gleichgesinnten handelte. Deshalb reiste er auch dieses Jahr an, um das Treiben der Bilderberger zu beobachten und darüber zu schreiben.

Der Corbett Report über Bilderberg 2010:

American Free Press war mit ihrem Reporter Mark Anderson in Spanien, um über die Bilderberg-Konferenz zu berichten:

Sogar die britische „Times“ brachte dieses Jahr einen Beitrag über das Bilderbergtreffen und auch der deutsche „Spiegel“ liess es sich nicht nehmen, darüber zu schreiben – letzterer allerdings sehr gehaltlos und weit weniger ergiebig und aufschlussreich als der Wikipedia-Eintrag. Aber auch der Beitrag von 20 Minuten war einfach nur enttäuschend genauso wie die Kurzmeldung von n-tv. Die BILD-Zeitung titelte gewohnt sensationslustiglüstern: „Geheim-Gipfel zur Eurokrise!„, lieferte inhaltlich aber praktisch eine Nullmenge.

Für seriöse Recherchen fehlt den Journalisten offenbar die Zeit oder die Motivation. Manche behaupten, die Teilnehmerliste sei geheim, obwohl sie auf der offiziellen Website der Bilderberger eingesehen werden kann. Natürlich gibt es auch Teilnehmer, die möglichst anonym teilnehmen wollen und daher nicht auf der Liste stehen wie die jeweiligen Vertreter des Rothschild-Clans. Aber ganz so geheim, wie manche behaupten, ist die Konferenz dennoch nicht – verschwiegen allerdings schon.

Einzig der Deutschlandfunk überraschte im Beitrag „Re-Feudalisierung und Privatisierung der Macht?“ mit einer ausführlichen und differenzierten Betrachtung sowie schon die BBC News zuvor am 29.9.2005 mit „Inside the secretive Bilderberg Group„.

Resultate und Auswirkungen der Bilderberg-Konferenz 2010

Was wurde an der Konferenz beschlossen und welche Auswirkungen wird dies auf die Weltpolitik und die Weltwirtschaft haben? Im Plenum werden allerdings gar keine eigentlichen Beschlüsse gefällt, schliesslich handelt es sich nicht um ein Gremium von demokratisch gewählten Volksvertretern und sogar in den demokratisch gewählten Parlamenten werden die Entscheidungen in Absprachen im Hintergrund gefällt, meist lange vor der Abstimmung im Plenarsaal. Es soll sich entsprechend auch bei den Bilderberg-Konferenzen mehr um eine „Konsenzbildung“ einer globalen Elite handeln. Die Entscheidungen und Vorbereitungen dazu werden bereits im Vorfeld in einem kleineren Kreis getroffen. Entsprechend werden auch die Themen und Teilnehmer ausgewählt. Zum Konsenz der Konferenz von 2010 habe ich Folgendes aus diversen Quellen zusammengetragen:

  • Die USA beginnen den Krieg mit dem Iran mit Raketenangriffen und marschieren anschliessend mit Truppen ins Land wie schon damals im Irak, weil der Iran angeblich über bedrohliche Nuklearwaffen verfügt. Die Amis müssen es ja wissen, denn schliesslich wären auch sie jene, die den Iranern die dafür nötigen Mittel geliefert hätten. Dass Israel dank den USA bereits seit den 60-er Jahren über Atomwaffen (von 200 bis 300 Raketen mit Atomsprengköpfen ist die Rede) verfügt, wird dabei grosszügig übersehen.
  • Die Rettung des Euro muss um jeden Preis sichergestellt werden. Koste es, was es wolle. Deshalb wird auch Griechenland mit seinem maroden Staatshaushalt sowie jedes weitere Euro-Land, das von der Schuldenkrise erfasst wird, gerettet werden. Ein Scheitern des Euro würde die Pläne der Bilderberger verunmöglichen oder zumindest deren Umsetzung um Jahrzehnte verzögern.
  • SPD-Vize Olaf Scholz, der dieses Jahr zum ersten Mal an der Bilderberger-Konferenz teilnahm, wird in der deutschen Politik in naher Zukunft eine führende Rolle besetzen.

Mal schauen, was sich davon wirklich bewahrheiten wird. Der Krieg im Iran scheint allerdings wirklich bereits kurz bevor zu stehen.

Geheimgesellschaften in der Informationsgesellschaft

Jahrzehntelang wurde die Existenz der Bilderberg-Gruppe totgeschwiegen und dementiert. Im Internetzeitalter lassen sich Veranstaltungen mit so vielen hochkarätigen Teilnehmern aber nicht mehr verheimlichen. Was ein Fluch für den Datenschutz und die Privatsphäre ist, erweist sich in Sachen Transparenz hinsichtlich Geheimgesellschaften als Segen. Ihr Treiben wird öffentlich und Informationen darüber verbreiten sich in Sekunden über den ganzen Globus. In einer globalisierten, hoch vernetzten Welt sind alle Nachrichten öffentlich.

Dies musste bereits das World Economic Forum (WEF) vor einigen Jahren erfahren. Seitdem dürfen ein paar Journalisten die Konferenz im Plenum live mitverfolgen, um die Öffentlichkeit darüber zu „informieren“. Mit dieser Pseudo-Transparenz sollen die Massen der Globalisierungsgegner beschwichtigt und besänftigt werden. Doch die wirklich wichtigen Gespräche finden in kleineren Kreisen hinter verschlossenen Türen statt. Der gleiche oder zumindest ein ähnlicher Weg steht nun wahrscheinlich auch den Bilderbergern bevor. Für Geheimgesellschaften gibt es keinen Platz in der Informationsgesellschaft.