Volkskrankheit Gier

Gier
Die Gier (Avarita), Pieter Brueghel der Ältere, Kupferstich von 1556/1557 aus dem Zyklus der sieben Todsünden

In den Medien stehen unsere Banken immer wieder in der Kritik. Mit dem Bankengeheimnis sollen sie Steuersünder beschützen. Mit Finanzspekulationen sollen sie die Märkte verzerren und sowohl Unternehmen als auch Staaten in den Bankrott treiben. Generell sollen Banken und ihre Mitarbeiter alles nur Blutsauger und Parasiten sein. Kapitalismuskritik ist wieder salonfähig geworden. Doch wie gerechtfertigt ist diese Kritik wirklich? Sind allein die Banken an der nach wie vor brodelnden Finanz-, Wirtschaft- und Schulden-Krise schuld oder liegen die Ursachen und die Verantwortung am Ende ganz wo anders? Sind wir alle einfach nur die Opfer eines Systems? Kann man sich dem kranken Finanz- und Wirtschaftssystem überhaupt entziehen? Wie soll sich der Einzelne in diesem System verhalten?

In diversen Beiträgen habe ich mich kritisch über das Bankenwesen als zentralen Bestandteil unseres Geld- und Wirtschaftssystems geäussert. Kritisiert habe ich stets das System als solches und nicht eine einzelne Bank (mit Ausnahme der FED). Solange diese Kritik sachlich fundiert ist und nicht einfach nur der Verleumdung und Blossstellung dient, muss sie in einem demokratischen Rechtsstaat, der Meinungs- und Pressefreiheit hoch hält, zulässig sein. Probleme unter den Tisch zu kehren und aus falsch verstandener Rücksicht oder aus blossem Opportunismus tot zu schweigen kann keine Option sein und zeugt nicht von einem hohen Verantwortungsbewusstsein der Gesellschaft im Allgemeinen und der eigenen Nachkommenschaft im Besonderen gegenüber. Handeln Eltern ihren Kindern gegenüber verantwortungsvoll, wenn sie diese nie kritisieren und nie tadeln, um deren Gefühle nicht zu verletzen? Kritik kann weh tun und peinlich sein, vor allem wenn sie berechtigt ist und einen selber trifft. Daher sind bei aller Kritik stets Fairness und Sachlichkeit geboten. Kritik soll dazu dienen, Probleme anzusprechen und deren Ursachen aufzuzeigen, um Lösungen zu ermöglichen und Verbesserungen einzuleiten. Kritik soll auch der Enttäuschung im wahrsten Sinne des Wortes dienen. Wer bisher einer Täuschung zum Opfer fiel, dem sollen die Augen geöffnet werden. Er soll ent-täuscht werden, denn nur wer Probleme als solche erkennt, ist gewillt sie zu lösen. Ignoranten werden nichts zur Problemlösung oder zu einer besseren Welt beitragen.

Gier als Ausdruck des Zeitgeistes

Die Wahrnehmung der Gier und der Umgang mit ihr haben sich im Verlauf der letzten drei Jahrhunderte und ganz speziell im letzten halben Jahrhundert grundlegend verändert. Galt Gier früher lange als eine der sieben Todsünden, hat sie sich in der Neuzeit sogar bereits zur Tugend gemausert. Ehrgeiz (d.h. die Gier nach Ehre) wird heute als grundlegende Eigenschaft jedes erfolgreichen Geschäftsmanns und jeder Führungsperson vorausgesetzt. Wer es damit allerdings allzu sehr übertreibt, wird vereinzelt auch öffentlich in den Medien durch den Fleischwolf gedreht. Gier ist heute eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg und wer diesen Treiber nicht besitzt, bringt es meist nicht hoch auf der Karriereleiter. „Sei gierig, doch lass dich bloss nicht dabei erwischen, zu gierig zu sein!“ heisst die Devise.


Wilfried Schmickler über Wachstum durch Gier

Gier und Geiz stammen sprachgeschichtlich beide vom mittelalterlichen Begriff „Gitt“ ab. Mit Gier bezeichnen wir heute die Besessenheit, auf der „Einkommensseite“ möglichst viel einnehmen zu wollen, während wir mit Geiz die durch krankhafte materielle Verlustangst motivierte Sparsamkeit auf der „Ausgabenseite“ bezeichnen. Die Gier ist eine pathologische Ausprägung eines grundsätzlich legitimen Sicherheitsbedürfnisses. Sie beschränkt sich nicht bloss auf Geld bzw. auf materiellen Reichtum, sie umfasst auch die Gier nach Macht, Ruhm und Selbstverwirklichung. Gier beschränkt sich keinesfalls auf die Finanzwelt und es wäre daher auch völlig falsch, pauschal jeden Bankmitarbeiter der Gier zu bezichtigen. Dass die Gier vor allem auch im Geld- und Bankwesen sichtbar wird, liegt in der Natur der Sache. Schliesslich bildet der Umgang mit Geld und Vermögen das Kerngeschäft jeder Bank.

Shareholder Value und Gier

Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben Kleider, wir können uns gegen Kälte, Wärme und Nässe schützen und wirklich hungern tut auch kaum jemand von uns. Jedes Kind in den Slums von Bangladesch würde gerne mit dem Ärmsten von uns tauschen und sich danach reich fühlen. Doch wir wollen immer noch mehr und sind bereit, den grössten Teil unserer Lebenszeit in Geld zu tauschen, um uns Dinge zu kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Das ist unser persönliches Wirtschaftswachstum. Erfolg definiert sich in unserer Gesellschaft über materiellen Reichtum, Karriere und Ansehen über Macht und Einkommen. Wir verkennen, dass wir im globalen Vergleich alle privilegiert sind. Wir sehen immer nur jenen, der noch mehr hat als wir, um diesen beneiden zu können. Neid und Gier sind Geschwister und anscheinend brauchen wir den Neid als Treiber und um uns schlecht fühlen zu können. Der Mensch scheint ein Wesen zu sein, das ohne Probleme nicht existieren kann. Wenn er keine hat, schafft er sich welche. Oder werden wir nur durch die Werbung und die Medien zum gierigen und neidischen Konsumenten gemacht, der mit seinen Aktivitäten zur Befriedigung seiner Gier das System am Leben erhält?

Gier und Neid der Hartz-4 Empfänger

Neid
Der Neid (Invidia), Pieter Brueghel der Ältere, Kupferstich von 1556/1557 aus dem Zyklus der sieben Todsünden

Wenn man den Darstellungen zum Thema Gier in den Medien glaubt, ist Gier vor allem bei den Superreichen und Mächtigen dieser Welt anzutreffen. Doch sieht man sich bei Privatsendern die „Hartz-IV TV-Sendungen“ an, stellt man fest, dass sich hier die Protagonisten ganz ähnlich wie die superreichen Parasiten der Gesellschaft verhalten, nur dass sie dies unter weniger privilegierten Rahmenbedingungen tun. Sich in ihrem Selbstmitleid suhlend schimpfen sie über jene, die „vom Schicksal bevorzugt“ wurden und lassen ihren Neid auch gerne mal in Aggression ausarten oder versinken in Lethargie. Viele haben ihre Ansprüche, glauben aber nichts dafür tun zu müssen. Für ein bedingungsloses Grundeinkommen (Hartz-IV für alle!) sind solche Leute schnell zu begeistern. Sie versuchen mit List das System auszutricksen, um in den Genuss von Leistungen der Gesellschaft zu kommen. Worin unterscheidet sich ihre Geisteshaltung von jener der Finanzspekulanten und Steuerflüchtlinge, die unter Ausnutzung der Schlupflöcher in den Gesetzestexten ihre Erträge und Vermögen auf Kosten anderer mehren?

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus; du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, noch seinen Knecht, noch seine Magd, noch sein Rind, noch seinen Esel, noch alles, was dein Nächster hat.
(Exodus 20, 17)

Alles nur ein technischer Designfehler?

Trotz der systematischen Tabuisierung, werden die systemimmanenten Konstruktionsfehler unseres Finanz- und Wirtschaftssystem zunehmend auch in einzelnen Fernsehsendungen thematisiert. Dies ist sehr wichtig, um einem breiteren Publikum die Augen zu öffnen. Leider beschränken sich die Diskussionen bislang auf die Mathematik des Zinseszinses – aber immerhin schon das. Es wird weder die Frage nach den Rechtsgrundlagen noch nach den ethischen Grundlagen gestellt.


Dirk Müller und Ernst Prost zu Gast bei Markus Lanz

Die exponentielle Wirkung des thesaurierenden Zinses d.h. des Zinseszinses ist völlig unfassbar für unser lineares Vorstellungsvermögen. Deshalb haben die meisten Leute grosse Mühe, das Problem zu verstehen. Wenn man sie darauf anspricht, dass Geld dem vereinfachten Austausch von Leistungen dienen soll, aber nur durch Verschuldung entsteht, finden das die meisten doch ziemlich widersprüchlich. Doch kaum einer würde auf die Zinseinkünfte aus seinen Kapitalanlagen (wozu übrigens auch die Altersvorsorge gehört) freiwillig verzichten. In diesem Zusammenhang verschleiert die Verwendung des Begriffes „Zins“ für zwei unterschiedliche Dinge, dass Zinserträge für Geldanlagen und Zinsen für reale Leistungen (z.B. der Mietzins für eine Sache) völlig unterschiedliche Sachverhalte darstellen, die sowohl mathematisch als auch ethisch unterschiedlich zu bewerten sind, aber dennoch meist miteinander verknüpft sind, da mittlerweile die Mehrheit der realen Leistungen über Kredite finanziert werden.

Die Problematik auf einen technischen Designfehler zu reduzieren ist ebenso gefährlich wie falsch. Wie soll dieser Designfehler jemals korrigiert werden, wenn nicht aufgearbeitet wird, was zu diesem Fehler geführt hat? Es ist wieder in Mode, über Ethik zu sprechen. Die Diskussion bleibt aber meist sehr oberflächlich. Sind wir zu blöde oder zu feige, den Ursachen auf den Grund zu gehen und sie beim Namen zu nennen? Die Gier ist die Wurzeln allen Übels und wurde deshalb seit je her in allen Kulturen und Religionen geächtet. Nur in unserer neuzeitlich toleranten und relativistischen Gesellschaft scheint diese Weisheit abhanden gekommen zu sein. Die Frage, ob angesichts der zerstörerischen Auswirkungen der Gier auf den Menschen und seine Umwelt unsere Zivilisation sowohl dem moralischen als auch dem ökonomischen Untergang entgegeneilt, erübrigt sich wohl.

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.
(Mahatma Gandhi)

Die Gier scheint uns mittlerweile genetisch eingepflanzt worden zu sein. Wir haben dieses System geschaffen oder zumindest zugelassen, dass die entsprechenden Rechtsgrundlagen geschaffen wurden, finden es irgendwie pervers, sind aber trotzdem weder Willens noch fähig, dieses System zu verändern. Wenn das nicht pervers ist!?

Vergebliche Symptombekämpfung

Die Occupy-Bewegung versteht sich als Anklägerin der vermögenden 1 Prozent der Bevölkerung, die sich auf Kosten der übrigen 99 Prozent bereichert, und somit als Kämpferin gegen die Gier einer Minderheit. Ihr ethischer Anspruch mag grundsätzlich richtig und respektabel sein, doch obwohl es sich bei der extrem asymmetrischen Vermögens- und Einkommensverteilung um eine Tatsache handelt, trifft die vereinfachte, pauschale Anklage den Nagel trotzdem nicht ganz auf den Kopf, weil sie sich zu sehr auf die Symptome fokussiert anstatt auf deren tiefere Ursachen. Sie führt letztlich zur Spaltung der Gesellschaft und zum Klassenkampf nach alter marxistisch-kommunistischer Ideologie. Letztere hat sich allerdings noch nie als für eine Lösung dienlich manifestiert. Vielmehr konnte sie ihren eigenen proklamierten Ansprüchen in keinster Weise gerecht werden und hat mindestens so viel Leid verursacht wie der ungezügelte Kapitalismus. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn schliesslich basiert die Ideologie des Kommunismus auf den Denkschemen des Kapitalismus und vertauscht lediglich die Vorzeichen.

Die Symptome der Volkskrankheit Gier zu erkennen und richtig zu deuten ist ein erster wichtiger Schritt zur Bekämpfung dieser Krankheit. Solange aber nur über die Symptome geschimpft wird, während deren Ursachen weiterhin systematisch tabuisiert werden, ist eine Besserung nicht absehbar. Besonders fatal ist dabei, die auf der Gier beruhenden Denkschemen beizubehalten. Solange die Mehrheit der Ansicht ist, für geliehenes Geld ein Anrecht auf einen Zinsertrag zu haben, wird sich nichts verändern. Solange Rendite auf Geldanlagen von einer Mehrheit als Menschenrecht betrachtet wird, kann dem zügellosen Kapitalismus unmöglich Einhalt geboten werden.

Ertrag ohne Arbeit – legaler Diebstahl

Nicht alle reichen Leute sind durch ihre Gier vermögend geworden. Viele kamen durch Erbschaft oder Schenkung dazu. Sie sind ohne ihr eigenes Zutun zu einer moralischen Verpflichtung gekommen, das ihnen zugeflossene Vermögen sinnvoll einzusetzen. Eine Minderheit kommt dieser auch nach. Doch die grosse Mehrheit denkt nicht einmal daran. Wer nimmt, soll auch geben. Wer gibt, soll auch nehmen dürfen. Dieser soziotechnische Gleichgewichts- und Stabilitäts-Grundsatz findet sich in allen grossen Religionen. Die gegenwärtige Praxis ist oftmals eine andere. Entgegen der immer noch aktuellen Moral- und Sittenlehre, welche auf einem allmählich erodierenden, aber mehrheitlich immer noch vorhandenen Wertekonsens beruht, glaubt ein nicht unwesentlicher Teil der Menschen, sich alles nehmen zu dürfen, ohne selber zwingend etwas dafür leisten zu müssen.

Zinsen - Turmbau zu BabelDer Zins wird oftmals mit einem Recht auf eine „Risikoprämie“ begründet. Mit ihm soll unsere Verlustangst kompensiert und beschwichtigt werden. Er ist quasi eine Angst- und Geiz-Zulage. Je ängstlicher ein „Anleger“ ist, desto höhere Risikoprämien werden ihm zugestanden. Dafür arbeiten muss aber ein anderer. Geld entsteht in unserem Geldsystem ausschliesslich durch Verschuldung (Kreditvergabe). Den exponentiell wachsenden Geldvermögen, auch wenn sie bloss durch eine Zahl auf einem Bankkonto repräsentiert werden, stehen in gleicher Höhe Geldschulden gegenüber, für die aus der durch die Kreditvergabe generierten Geldmenge ein Zins bezahlt werden muss. Der Umverteilung von virtuellem Leihkapital durch Kreditvergabe folgt die um den Zinsbetrag höhere Umverteilung durch Arbeit. Wer hat, dem wird gegeben, ohne dass er selber dafür arbeiten muss.

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.
(Epikur von Samos)

Möglich wird dies im heutigen Umfang erst durch den Trick der Geldschöpfung aus dem Nichts, das auch unter dem Fachbegriff „fraktionales Bankensystem“ bekannt ist. Bringt ein Sparer sein Geld zur Bank, schreibt diese ihm den Betrag auf seinem Konto gut. Die Bank leiht das Geld unter Abzug einer „Reserve“ an einen Kreditnehmer, während es aber gleichzeitig weiterhin auf dem Konto des Sparers gutgeschrieben bleibt. Das Geld hat sich (unter Abzug der Reserve von 2 bis 5 Prozent) nahezu verdoppelt, ohne dass durch Arbeit ein realer Mehrwert geschaffen worden wäre. Der Kreditnehmer bezahlt das „geliehene“ Geld in Raten der Bank zurück. Für den noch ausstehenden Betrag bezahlt er der Bank zusätzlich jeweils einen Zins, der je nach Zinssatz über die gesamte Laufzeit des Kredits in der Summe auch das Mehrfache des ursprünglich geliehenen Geldes ausmachen kann. Für ihre Vermittlerrolle behält die Bank einen Teil des Zinses für sich und schreibt dem Sparer den anderen Teil auf dessen Konto gut. Dort mehrt sich dieser Zins (→ Thesaurierung) und wird von der Bank wieder für die Vergabe von weiteren Krediten verwendet. Diese sind auch nötig, denn schliesslich muss auch das Geld für den Zins irgendwie generiert werden. Der einzige, der in diesem Spiel durch seine Arbeit reale Wertschöpfung betreibt, ist der Kreditnehmer. Und er bezahlt mit dem Zins (zumindest solange die Geldentwertung durch Inflation keiner ist als der Zinsbetrag) mehr zurück, als er als Kredit bekommen hat. Würde ein Kind für ein Spiel mit Murmeln die gleichen Regeln aufstellen, würden ihn seine Kameraden als unfair und gierig bezeichnen.

GeldgierNoch eine Stufe unanständiger ist die Gier, welche durch Spekulation und Manipulation Gewinne erzielt. Es gibt dafür mittlerweile sogar einen institutionalisierten, globalen Schwarzmarkt für Insider-Informationen. Das Geschäft mit Finanzderivaten, das ein reines Spekulations- und Wettgeschäft ist, hat mittlerweile das Mehrfache des Volumens von Aktien, Obligationen und Rohstoffen (d.h. deren Basiswerte) erreicht. Die Spekulation mit Rohstoffen im Allgemeinen und mit Nahrungsmitteln im Besonderen treibt seit geraumer Zeit die Preise für diese Güter und die Börsenkurse der zugehörigen Derivate in die Höhe. Dies scheint zur (virtuellen) Erholung der Finanzmärkte beizutragen, führt aber auch dazu, dass die Menschen in ärmeren Ländern sich die Lebensmittel nicht mehr leisten können und sich selber verkaufen und verschulden müssen, um zu überleben. Die Spekulanten freut’s trotzdem. Es ist ja schliesslich nicht ihr eigenes Leid.

Wer nicht zufrieden ist mit dem, was er hat, der wäre auch nicht zufrieden mit dem, was er haben möchte.
(Berthold Auerbach)

„Von nichts kommt nichts“ heisst eine alte Volksweisheit, die offenbar zunehmend in Vergessenheit gerät. Ertrag ohne Arbeit ist sowohl aus technischer als auch aus ethischer Sicht ein Unding. Und eine Tätigkeit ist noch lange keine Arbeit. Während das Kreditgeschäft immerhin noch von einem grossen Teil der Gesellschaft als Arbeit angesehen wird, gibt es nur ganz wenige, die Spekulationsgeschäfte als Arbeit bezeichnen. Es handelt sich dabei eher um einen organisierten Diebstahl, der sowohl unter Ausnutzung von Gesetzeslücken als auch mit kriminellen Mitteln betrieben wird.

Gier hat viele Gesichter

Die rücksichtslose, egoistische Gier beschränkt sich nicht auf das Zins nehmen, den Profit aus Spekulationen oder den sonstigen Bezug von Leistungen, für welche andere arbeiten müssen. Er manifestiert sich auch in einem Allmachbarkeitswahn und der fixen Idee, ein Anrecht auf alles zu haben, was irgendeinem anderen vergönnt ist. Vieles davon wird heute sogar als „Menschenrecht“ bezeichnet. Von einem Recht auf Gesundheit wird ein Recht auf Organspenden abgeleitet. Wer kein eigenes Leben mehr leben kann und für klinisch tot befunden wurde, soll als Ersatzteillieferant für andere nützlich sein. Von einem Recht auf Kinder wird ein Recht auf künstliche Befruchtung abgeleitet. Kinder werden nicht mehr als „Gottesgeschenk“ betrachtet, das uns zur liebevollen Aufzucht anvertraut wurde, sondern als Statussymbol oder Trophäe. Kinder leistet man sich wie Haustiere. Wer genügend Geld hat, kann sich die Überlistung der Natur erkaufen und selber Schöpfer spielen, wenn es einmal mit der Fruchtbarkeit nicht klappen sollte. Dass dabei auch „überzählige“ Embryonen als Abfallprodukt anfallen, denen keine Chance gewährt und kein Recht zugestanden wird, jemals zu einem erwachsenen Menschen heranwachsen zu dürfen, wird als Kollateralschaden in Kauf genommen. Und damit wären wir bereits bei der Abtreibung, die ebenfalls ein Produkt der Gier und des Egoismus ist. Ungeborenes Leben soll mit Hinweis auf ein Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper wie eine Fernsehsendung abgeschaltet werden können, wenn es einem gerade nicht gefällt und wenn es der Verwirklichung der eigenen Ziele im Weg steht. Doch wie sieht es mit dem Recht des heranwachsenden Lebens aus? Gier produziert ausnahmslos nur Ausbeutung, Verwüstung und Tod. Deshalb galt sie bis vor kurzem noch als Todsünde, auf welche auch die meisten der übrigen sechs Todsünden zurückgeführt werden können.

Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist.
(Benjamin Franklin)

Flucht oder Angriff?

Immer mehr Menschen beginnen, die Fehler im System zu erkennen. Doch sie fühlen sich machtlos und unfähig etwas dagegen auszurichten und etwas zum Positiven hin zu verändern. Viele wagen es nicht, öffentlich darüber zu sprechen, aus Angst sie könnten auf Unverständnis und Widerstand stossen und dadurch Nachteile erfahren. Wer will schon einen scheinbar aussichtslosen Kampf austragen? Ist Systemverweigerung eine sinnvolle Option und ein Ausstieg aus dem System überhaupt möglich?

Sich als Einzelner dem System zu verweigern, führt zur Verarmung und Vereinsamung. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er ist auf seine Mitmenschen angewiesen und erst durch die Arbeitsteilung innerhalb einer Gesellschaft kann in der Summe mehr geschaffen werden, als ein Einzelner alleine zu schaffen vermag. Ich treffe immer mehr Menschen, die gerne aussteigen und ihrem Leben wieder oder endlich einen Sinn geben würden. Doch sie sind wie wir alle gefangen in diesem System und gewissen existenziellen Zwängen ausgesetzt. Aussteigen hiesse auch, sich der eigenen Verantwortung der Gesellschaft gegenüber zu verweigern. Aussteigen wäre feige. Doch wie kann man in einem solchen System überhaupt verantwortungsvoll existieren? Diese Frage habe ich mir viele Male gestellt und lange keine Antwort darauf gefunden. Wie kann ich Geld als Lohn für meine Arbeit entgegen nehmen, das einem System entspringt, welches Unterdrückung, Versklavung und Ausbeutung als grundlegende Elemente beinhaltet? Und doch kann ich nicht darauf verzichten, denn schliesslich habe ich wie Millionen andere eine Familie zu ernähren. Aus dieser Verantwortung kann und will ich mich nicht stehlen. So bleibt mir und jedem anderen verantwortungsbewussten Zeitgenossen gar nichts anderes übrig, als weiterhin als Mitglied dieser Gesellschaft am System teilzunehmen. Flucht ist keine Option.

Passivität und in Selbstmitleid dahinvegetierend die Opferrolle zu erdulden ist auch nicht mein Ding. Es bleibt daher nur der Angriff auf das System. Und dieser ist am effektivsten und effizientesten, wenn er mit Insiderwissen von innen heraus durchgeführt wird. Ich spreche nicht von einer gewaltsamen Revolution. Eine solche würde zu viele und vor allem auch unschuldige Opfer kosten. Eine durchdachte, systematisch geplante Umwälzung oder besser gesagt friedliche Transformation auf der Basis einer neuen Rechtsordnung ist der einzige brauchbare Weg. Am Anfang steht die Sensibilisierung für das Thema und die Aufklärung über die Ursachen und Zusammenhänge. Parallel dazu muss ein neues System konstruiert werden, das sämtliche Anforderungen erfüllt. Wenn es einem gelingt, sich von allen ideologischen Zwängen und hergebrachten Denkschemen zu lösen, und wenn man die Prinzipien des System Engineerings unter Berücksichtigung der Lehren aus der Philosophie und der Geschichtsschreibung konsequent anwendet, entstehen plötzlich Lösungen, an die man vorher gar nicht zu denken gewagt hat. Wer das System von innen heraus überwinden will, muss zuerst sich selbst überwinden. Anstatt Gier, Neid, Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Verschwendungssucht stehen Klugheit, Gerechtigkeit, Dankbarkeit, Mut, Nächstenliebe und Genügsamkeit auf dem Programm. Wer sich auf diesen Pfad der Erkenntnis und der Lösung begibt, kann über sich hinaus wachsen und seine eigene Gier überwinden. Einen Versuch ist es allemal wert.