Month: März 2007

Eine Milliarde US-Dollar Schadenersatz

Das verlangt der amerikanische Medienkonzern Viacom von YouTube gemäss Berichten der New York Times und ZDNet für Urheberrechtsverletzungen durch angeblich 160’000 Clips. Ich frage mich, ob es sich bei dieser Zahl um eine Hochrechnung handelt oder ob hier unterbezahlte Studenten monatelang Clips ausgewertet und gezählt haben. Viacom bezeichnet das Geschäftsmodell als illegal, weil es darin bestehte, mit unlizenzierten Inhalten Besucher anzulocken, um Einnahmen mit Werbung zu generieren. YouTube mache sich damit „massiver vorsätzlicher Copyright-Verletzungen“ schuldig. Damit spricht Viacom erstmals öffentlich aus, was andere schon lange denken.

Nachdem Viacom YouTube erfolglos aufgefordert hatte, alle ihre Filme von der Plattform zu entfernen, und die Vergleichsverhandlungen gescheitert sind, geht es jetzt vor den Kadi. Die erste Runde wird an einem New Yorker Bezirksgericht (U.S. District Court for the Southern District of New York) ausgetragen. Sollte Viacom mit seiner Geldforderung wirklich erfolgreich sein, wäre dies ein Signal an alle Videoplattformen und würde weitere in ihren Urheberrechten verletzten Kläger ermutigen, Schadenersatzforderungen in vergleichbarer Höhe zu fordern. Dies wäre eine empfindliche Niederlage für das Web 2.0 und vielleicht schon das Aus für die beliebten Videoplattformen. Auch das Web 2.0 muss sich an geltendes Recht halten. Aber so wie ich die Amis kenne, wird jetzt zuerst viel Wirbel gemacht, um die nötige Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen, um sich anschliessend doch noch zu vergleichen. Vielleicht will sich Viacom auf diesem Weg bloss günstig bei YouTube einkaufen beziehungsweise Anteile als Entschädigung schenken lassen. Wirtschaftlich macht es jedenfalls keinen Sinn, eine Plattform zu vernichten, die sich als ideal für die Verbreitung von multimedialen Inhalten erwiesen hat und traumhafte Besucherzahlen verzeichnet. Die Rechtslage gibt Viacom jedenfalls gute Karten in die Hand, sich einen Anteil an einem der grössten Content-Intermediäre und damit am Absatzkanal der Zukunft zu sichern.

Staatliche Schnüffelei schädigt Ansehen

Die in der Exportinitiative „IT Security made in Germany (ITSMIG)“ zusammengeschlossenen deutschen IT-Sicherheitsanbieter lehnen die Pläne des Bundesinnenministeriums ab, verdeckte Online-Durchsuchungen durchzuführen.

Frank Fuchs, Sprecher des Steuerkreises von ITSMIG und CEO von Softpro meinte dazu: „Schon allein die Diskussion, ob in Deutschland auf Computerfestplatten die Kernbereiche privater Lebensführung vom Staat durchschnüffelt werden dürfen, schadet uns nachhaltig im Ausland. […] Wir erhalten aus dem Ausland zunehmend Anfragen, weshalb Deutschland nun gleiche Methoden anwenden wolle, wie man sie bisher nur anderen Staaten unterstellt.“

Das Label „Made in Germany“ könnte wieder zu dem werden, als das es ursprünglich gedacht war: als Warnhinweis und zur Diskriminierung deutscher Anbieter als die Verlierer des zweiten Weltkrieges – quasi als „Loser Label“. Daher schlagen Fuchs und Sommer den Begriff „Bundestrojaner“ als Unwort des Jahres 2007 vor. Ich denke, ihre Chancen stehen gut.

Auch der deutsche Bundesbeauftragte für Datenschutz und die Informationsfreiheit Peter Schaar forderte an der COMPUTAS-Fachkonferenz „Datenschutz und Datensicherheit“ eine neue Richtung in der Diskussion um Fragen, die durch die international steigende Tendenz der Datensammlung aufgeworfen werden. Er warnte davor, den Datenschutz nur als bürokratisches Hindernis zu betrachten. Die Respektierung der Privatsphäre bezeichnete er als Grundlage für das Vertrauen in eGovernment und E-commerce.

Google’s zwei Gesichter

Ich bin etwas verwirrt. Bisher behauptete Google von sich, seine Mission bestehe darin, den Internetnutzern jeden Inhalt jederzeit einfach zugänglich zu machen. Nun positioniert sich der Suchriese jedoch immer mehr als Werbebroker. G-Chef Eric Schmidt liess verlauten, dass Experimente mit Fernsehwerbung am laufen seien. Dies ist anscheinend ein Teilschritt in der Strategie, sich als omnimedialer Mittelsmann für Werbung zu positionieren. Naja, schliesslich ist Webung auch nur ein Inhalt, den es zugänglich zu machen gilt. Kein Grund also, verwirrt zu sein.

Google operiert in einem interessanten Spannungsfeld gegensetzlicher Interessen von Konsumenten und Werbetreibenden. Beiden Parteien gerecht zu werden, wird nicht leicht sein. Zumal die Erwartungshaltung auf beiden Seiten wesentlich höher ist als zum Beispiel beim Fernsehen.

Technologie war bisher Google’s Trumpf und das soll auch weiterhin so bleiben. Google arbeitet daher an Technologien, die TV-Werbung besser auf die Konsumenten ausrichten sollen, und will anhand von demografischen Daten und basierend auf den konsumierten Fernsehinhalten personalisierte Werbung anbieten. Das ist Stalking in Reinkultur! Zum Glück gibt es Datenschutzgesetze, die den Zugriff auf die Fernseh-Nutzungsdaten nicht einfach so zulassen. Google wagt eine gefährliche Gratwanderung zwischen Wahrung der Vertrauens- und Glaubwürdigkeit einerseits und unvermeidbaren Datenschutzverletzungen andererseits. Google Analytics ist erst das Vorspiel. Wenn das bloss gut geht! Schon manch ein Konzern hat sich mit seinen Wachstumsstrategien in neue Gebiete (in diesem Fall sind es die klassischen Medien) vorgewagt und ist daran gescheitert. Dass sich die Werbung durch das Internet in den nächsten Jahren stark verändern wird, ist bei Branchenkennern unbestritten. Es ist aber sicher falsch zu glauben, dass die Zukunft allein durch Google bestimmt wird.

Neo-Taylorismus und Technologie als Kit der globalisierten Gemeinschaft

Das Internet hat uns neue Möglichkeiten der Kommunikation beschert. Trotz seiner Unausgereiftheit ist das Ding eines der grössten und nützlichsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Viele sehen darin sogar den Schlüssel zur globalisierten Gesellschaft, in der Zeit und Raum eine sekundäre Rolle spielen. Wenn es nach den Visionen gewisser CIO’s geht, so soll die Informations- und Kommunikationstechnologie der Kit der globalisierten Gemeinschaft sein. Bei solchen Visionen kommen mir spontan die Illusionen der 50-er und 60-er Jahre in den Sinn. So kämpfte zum Beispiel Heinz Erhardt auf der Leinwand als Onkel Willi gegen die Tücken von Hightech-Küchen, die zum Glück nie wirklich Realität geworden sind. Auch in bizarren Science Fiction Movies (von Buck Rogers bis Star Trek) wurde die Welt der Zukunft skizziert, in der die Errungenschaften der Technologie das Leben der Menschen einfacher und die Menschen zugleich zu von ihr abhängigen Sklaven machten. Auch die Atombombe sollte einst eine bessere Welt aus dem Planeten Erde machen. Aus heutiger Sicht wirken diese Filme eher bizzar, lächerlich und peinlich. Bemerkenswert dabei ist, wie sich die Geschichte in immer kürzer werdenden Zeitabständen auf’s Neue wiederholt. Die Informatik und das Internet bleiben von solchen Entwicklungen nicht verschont. Nur weil wir heute einfache, schnelle und günstige Kommunikationsmittel haben, werden Mitarbeiter in Europa, USA und Indien noch lange nicht besser zusammenarbeiten, denn ein virtuelles Netzwerk ist noch lange keine echte Arbeitsgemeinschaft. Zu gross sind hier die sprachlichen und kulturellen Barrieren.

Das Menschenbild in der Öffentlichkeit ist einem zyklischen Wandel zwischen Sach- und Menschenorientiertheit unterworfen. Heute sind die Technokraten an der Macht. Gemäss ihren Vorstellungen ist der Mensch nicht mehr wirklich Mensch sondern muss funktionieren wie eine Maschine. Sein Wert bemisst sich aufgrund von monetären Kriterien. Um das Risiko und die Verantwortung für Fehlfunktionen des neo-tayloristischen Menschen zu minimieren, setzt man auf Zertifikate. Der Zertifizierungswahn der Wirtschaft, die kein Unternehmertum mehr kennt sondern nur in Risiken denkt, um diese wiederum zu eliminieren, hat eine ganz neue Industrie geboren. An den Stellenbeschreibungen und Anforderungsprofilen für Vakanzen lässt sich dieser Trend klar und deutlich ablesen. Es werden vor allem Spezialisten gesucht, die genau das am besten können, was von ihnen verlangt wird. Eine Einarbeitungszeit wird bestenfalls noch Junioren und Studienabgängern gewährt.

Der hoch-technologisierte Allmachbarkeitswahn und der daraus abgeleitete deterministische Anspruch lassen uns gerne vergessen, dass wir emotionale Wesen aus Fleisch und Blut sind. Soziale Systeme, die zu Kulturen werden, bilden sich durch gemeinsame Wertvorstellungen und nicht durch die Möglichkeiten der Technologie oder durch von Profilierungsneurotikern definierte Ziele. „All business is local“ heisst eine englische Wirtschaftwahrheit. Menschen können längerfristig nur effektiv und effizient zusammenarbeiten, wenn sie sich gegenseitig „spüren“. Die beste Kommunikationstechnologie wird zwischenmenschliche Beziehungen und Wärme nicht ersetzen, die erst durch gegenseitiges Vertrauen entstehen. Dieses Vertrauen wiederum entsteht durch positive Erfahrungen und ist eine Form der Vorfreude auf die Wiederholung eben dieser Erfahrungen.

Keine Technologie wird eine Gemeinschaft jemals als Kit zusammenhalten, weil Technologie selber immer sachlich, emotionslos und wertfrei ist. Ihre Bedeutung und ihren Wert erlangt sie erst durch ihre Anwendung und die damit erzielten Resultate.

WGA-Software von Microsoft als Plappermaul

Nun hat Microsoft beziehungsweise ein Microsoft Mitarbeiter in einem MSDN-Blog offiziell bestätigt, dass WGA-Software (Windows Genuine Advantage) Daten ohne Erlaubnis und Wissen des Benutzers „nach Hause“ funkt – und zwar bei jeder Nutzung des Update-Dienstes und unabhängig davon, ob ein Update bis zum Ende geladen und installiert wird. Der Software-Riese ist aber lange nicht der einzige, der dies tut. Auch andere Software-Hersteller (Adobe, Apple, …) lassen sich Daten vom Computer des Kunden nach Hause schicken – und das schon seit längerer Zeit. Welches Sicherheitsrisiko daraus durch eine falsch konfigurierte Personal Firewall in Verbindung mit einem lokalen Proxy entsteht, habe ich zufällig bereits gestern erläutert. Die Missachtung jeglicher Privatsphäre des Anwenders sowie die Verletzung geltender Datenschutzgesetze scheint die Softwarehersteller leider in keinster Weise zu interessieren.

Buzzwords und die Halbwissenden

Wer schon zwanzig Jahre und länger in der Informatik zu Hause ist, der hat bereits einige Technologien vorbeiziehen sehen. Schliesslich beträgt die Halbwertszeit des technischen Wissens in dieser noch sehr jungen Disziplin nur wenige Jahre. Als die Informatiker noch weitgehend unter sich waren, hatten sie es nicht nötig, sich gegenseitig mit leeren Worthülsen zu bombardieren. Im Gegenteil. Wer dies tat, war schnell als Artfremder enttarnt und wurde von jeder weiteren Diskussion ausgeschlossen. Seit das Marketing auch in der Informatik Einzug gehalten hat, hat sich dies jedoch grundlegend geändert.

Jeder erfindet für seine noch so triviale Kreation einen eigenen Namen, unter dem er sein Baby für möglichst viel Geld unter’s Volk zu bringen versucht. Die Zahl der Trivialpatente für Software macht dies deutlich. In Zeiten, als Informatiker noch Mangelware waren, wurden viele Quereinsteiger in die Welt der Bits und Bytes gesaugt. Die Mehrheit von ihnen hat es leider nicht geschafft haben, ihre technische Bildungslücke zu kompensieren und operiert entsprechend mit Halbwissen. Die andere fehlende Hälfte des Wissens versuchen sie durch das häufige Wiederholen der von den Werbegurus geschaffenen, wohlklingenden Schlagwörter zu kaschieren. Dies soll die Mitmenschen nicht nur beeindrucken sondern auch tüchtig verwirren. Manchmal kommt es vor, dass ich dann plötzlich den Eindruck bekomme, von meinem eigenen Fachgebiet nichts mehr zu verstehen. Zwischendurch mache ich immer wieder die Entdeckung, dass mir Altbekanntes unter einem neuen Namen als Novum zu verkaufen versucht wird. Alles alter Wein in neuen Schläuchen. Aber das ist kein Phänomen, dass sich nur auf die Informatik beschränkt.

Mittlerweile habe ich eine richtige Aversion gegen solche Buzzwords (Neudeutsch für Schlagwörter) entwickelt. Rund um diese Buzzworlds hat sich eine lukrative Zertifizierungsmaschinerie gebildet, die gegen gutes Geld für das korrekte Wiederholen der Buzzwords im richtigen Kontext Diplome erteilt. Dieses Treiben nimmt nicht selten sogar sektiererische Formen an. Leider ist noch niemand auf die Idee gekommen, Diplome für gesunden Menschenverstand auszustellen. Dann würde ich mich auch um ein solches Zertifikat bemühen.

Sicherheitsrisiko Personal Firewall und lokaler Proxy

Heute musste ich feststellen, dass sich sogar Informatik-Profis schnell ein Ei legen können, wenn sie genügend unvorsichtig sind. Eine Personal Firewall, die nicht nur unerlaubte Zugriffe von aussen verhindert sondern auch einzelnen Programmen selektiv den Zugriff auf das Internet gestattet, kann bei mangelhafter Einstellung in Zusammenarbeit mit einem lokalen Proxy wie zum Beispiel dem „Webwasher“ zu einem Sicherheitsrisiko werden.

Der lokale Proxy läuft in der lokalen Zone, d.h. auf dem Computer des Anwenders (in der Regel auf Port 8080). Lokal bedeutet für die meisten Firewalls „sicher“ und sie lassen den Datenverkehr über den Proxy ungehindert passieren. So kann jede Applikation unkontrolliert Daten ins Internet senden, wenn sie dies über den lokalen Proxy tut. Immer mehr Applikationen scannen nach einem erfolglosen direkten Verbindungsversuch nach aussen die lokale Maschine nach einem solchen Proxy, der ihnen trotz Verbot die Verbindung zu einem beliebigen Server im Internet verschafft. Dazu gehören auch mehr oder wengier sicherheitskritische Programme wie Installations- und Updateroutinen, Botnet-Clients, Viren und Würmer.

Daher sollte man Schutz-Programme nicht einfach wahllos kombinieren sondern gezielt auf einander abstimmen. Das gelingt allerdings nur, wenn man auch über das nötige Fachwissen verfügt. Also liebe Hobby-Informatiker, Hände weg von Basteleien mit Sicherheitssoftware!

EU-Durchsetzungsrichtlinie für geistiges Eigentum

Die „Durchsetzungsrichtlinie“ der EU (Richtlinie 2004/48/EG vom 29. April 2004 zur Durchsetzung der Rechte des geistigen Eigentums) soll die Interessen der Inhaber von Immaterialgüterrechten stärken. Die Umsetzung in nationales Recht stösst aber auf mancherlei Probleme und konkurriert teilweise mit geltendem Recht.

Viel Anlass zu Diskussionen gibt etwa ein Auskunftsanspruch des Rechtsinhabers zum Beispiel gegenüber Online-Providern zur Herausgabe von Nutzerdaten bei einer (erwiesenen bzw. vermuteten) Rechtsverletzung zwecks Täterermittlung und Beweismittelsicherung. Der Knackpunkt hierbei ist, welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen und ob dies nur mit richterlichem Segen erfolgen darf. Den Interessen eines möglichen Rechtsgeschädigten gegenüber steht der Schutz der Daten sowie der Privatsphäre des Einzelnen als Verdächtigter – ein klassisches Güterabwägungsproblem unseres Rechtsstaates. Der Grundsatzes der Verhältnismässigkeit und dessen Beurteilung sind dabei entscheidend. Die Durchsetzung von Schadenersatzansprüchen seitens der Geschädigten ist ein weiteres heiss diskutiertes Thema. Wieviel darf es denn sein und wie wird es berechnet? Aber auch die Rechtseffizienz ist ein wichtiger wenn auch (zumindest meiner Ansicht nach) nur sekundärer Aspekt.

Gesellschaftliche Veränderungen und Anpassungen der Anwendungsvorschriften bzw. Verordnungen zum geltenden Recht sind die Konsequenzen unserer modernen Informationsgesellschaft. So toll Informatik zur Herstellung sowie Weitergabe und Verbreitung von digitalen bzw. digitalisierbaren Inhalten auch ist, so generiert sie auf der anderen Seite neue rechtliche Probleme. Die Gesetze müssen zum Glück nicht grundsätzlich neu definiert werden. Das Problem besteht vielmehr in ihrer adäquaten Andwendung in Kenntniss der Möglichkeiten und Gefahren der Technologie sowie auch unter Berücksichtigung des öffentlichen Rechtsempfindens. So kann nicht davon ausgegangen werden, dass jeder seinen Computer wie ein Profi im Griff hat. Gerade die Gefahr eines unbeabsichtigten Dateitauschens in Peer-to-Peer Netzwerken (wie eDonkey, KaZaA, BearShare, LimeWire oder Morpheus) ist bei Laien sehr gross, wie das US-Patentamt in seinem kürzlich erschienenen Bericht festhält. Jemand, der sowohl die Technik im Griff haben sollte als auch die Rechtslage kennt und versteht, muss bei einer entsprechenden Rechtsverletzung zwangsläufig härter bestraft werden als Otto Normalverbraucher. Aber auch die Softwarehersteller müssen mehr in die Verantwortung genommen werden. Zudem muss die Kriminalisierung der breiten Bevölkerung vermieden werden – auch wenn dies die Lobby der Medienschaffenden und der Unterhaltungsindustrie wahrscheinlich anders sieht.

Gerade durch die neuen Immaterialgüterrechtsprobleme entstehen Berührungspunkte zwischen Informatik und Recht. Einen entsprechenden interdisziplinären Austausch vermisse ich allerdings. Bei der Beurteilung sollten die Rechtsgelehrten vermehrt Informatikfachleute beiziehen, die sich auch der Rechtsproblematik und der gesellschaftlichen Tragweite ihres Beitrages bewusst sind. Dies findet in der Praxis leider noch viel zu wenig statt. Entsprechend leidet die Rechts- und Lösungseffizienz darunter.

Das Web bringt die Renaissance des Dialogs im Marketing

Bis vor kurzem galt in Fachkreisen das Marketing noch als fast exakte Wissenschaft der deterministischen Marktmanipulation. Das Web zwingt die Vertreter dieser These wieder zur Vernunft – und das ist gut so. Der moderne Kunde ist mündig (was auch immer das genau heissen mag) und selbstbestimmt. Er lässt sich nicht mehr so einfach manipulieren und durchschaut entsprechende Versuche viel öfter und schneller als früher. Seinem Unmut über nicht gehaltene Werbeversprechen macht er in Web-Foren, Blogs und auf anderen Plattformen des sozialen Austausches im Web Luft. Die Mund-zu-Mund-Propaganda („word of mouth marketing“) hat in den letzten Jahren durch das Web stark an Bedeutung gewonnen. Oft haben Firmen kaum noch Einfluss auf ihr eigenes Marketing, da es mittlerweile auch ohne sie stattfindet. YouTube ist der beste Beweis dafür. Vor allem Negativmeldungen verbreiten sich innert kürzester Zeit über den Globus und viele Unternehmen stehen dem machtlos gegenüber, völlig unfähig mit solchen Krisensituationen umzugehen. Die Börsenkurse reagieren mitunter sehr empfindlich auf solche Ereignisse.

Die Marketing-Channels (ja, es muss Neudeutsch sein) von heute sind viel anspruchsvoller als früher. Das simple Broadcasting von Werbebotschaften funktioniert im Web nicht. Nicht etwa, weil das Web virtueller Natur wäre. Nein, das Web ist ein ganz realer Bestandteil unseres Alltags geworden. Sondern weil das Internet mit seinen Punkt-zu-Punkt-Verbindungen anders funktioniert als die klassischen Broadcasting-Medien wie TV, Radio und Print. Hier ist individuelle beziehungsweise individualisierte Kommunikation angesagt. Die alten Tugenden des Geschäftens erleben dadurch förmlich eine Renaissance. Werbung erfolgt über einen echten Dialog mit den Kunden und nicht mehr mittels Massenmailings. Früher musste ein Kaufmann in Alexandria seinem Kunden am Point of Sale Red und Antwort stehen. Durch das Gespräch über die Ware entstand Vertrauen. Es wurde quasi ein kundenindividuelles Branding betrieben. Branding ist Wertekommunikation über eine Marke. Wenn der Kunde diese Werte erkennt und für sich selber als wertvoll und nützlich empfindet, wird er nicht lange zögern und die Ware kaufen, sofern der Preis stimmt.

Das Web weist uns den Weg zu altbewährten Tugenden und führt zu einer längst überfälligen Bereinigung des Marktes. Die Tage der Anbieter mit nicht gehaltenen Werbeversprechen sind gezählt.

FAT als Trivial-Patent von Microsoft

Mit dem Urteil des Bundespatentgerichtes von Ende Oktober 2006, das jetzt veröffentlicht wurde, darf Microsoft keine rechtlichen Ansprüche an der Techniken des Dateiformates FAT (File Allocation Table) geltend machen. Das Gericht hat das deutsche Patent mit der Nummer 69429378 als Trivialpatent entlarvt. Dieses Urteil zeigt, dass Grösse und Marktmacht noch lange kein hinreichendes Indiz für Innovation ist oder gar Rechte an Technologien daraus abgeleitet werden können. Das stärkt mein Vertrauen in unser Rechtssystem. Der aktuelle Pool an Softwarepatenten bietet noch viel Potential für weitere solche Entlarvungen.